{"id":7769,"date":"2021-10-15T15:26:35","date_gmt":"2021-10-15T13:26:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kucazapisce.hr\/?p=7769"},"modified":"2021-10-15T15:27:40","modified_gmt":"2021-10-15T13:27:40","slug":"gespraech-mit-tamara-labas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kucazapisce.hr\/de\/7769\/gespraech-mit-tamara-labas\/","title":{"rendered":"Gespr\u00e4ch mit Tamara Labas"},"content":{"rendered":"<p>Tamara Labas ist eine deutsche Dichterin und Leiterin der kreativen Schreibwerkst\u00e4tten. Sie wurde in Zagreb geboren und ist in Frankfurt am Main aufgewachsen, wo sie auch heute noch lebt. An der Johann-Wolfgang-Goethe Universit\u00e4t in Frankfurt absolvierte sie das Studium der Germanistik und Kunstgeschichte. Sie ist an verschiedenen k\u00fcnstlerischen und sozialtherapeutischen Projekten beteiligt, die sich mit der Thematik Migration und Fl\u00fcchtlinge befassen. Das historische Museum Frankfurt er\u00f6ffnete 2019 die Ausstellung \u201eKein Leben von der Stange. Geschichten von Migration, Arbeit und Familie\u201c und Tamara Labas geh\u00f6rte zum Beratungsteam und war auch als Autorin an dem Projekt beteiligt. Ein weiteres Projekt, an dem sie aktiv beteiligt ist, sind Lesungen in Justizvollzugsanstalten. Ihre Werke sind in verschiedenen Anthologien vertreten; sie ver\u00f6ffentlichte die Gedichtb\u00e4nde \u201ezw\u00f6lf\u201c (2017.) und \u201edurst der krieger\u201c (2021.).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Tamara, herzlich willkommen in Pazin. Wie f\u00fchlst du dich in unserer kleinen Stadt, weit weg vom Stress und Gedr\u00e4nge der Gro\u00dfstadt?<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Iva, vielen Dank f\u00fcr den freundlichen Empfang! Ich f\u00fchle mich wunderbar in dieser kleinen Stadt. Obwohl ich wegen der Pandemie und des ersten und zweiten Lockdowns auch in Frankfurt eine gr\u00f6\u00dfere Ruhe als sonst hatte, ist dieser kleine Ort mit seiner Natur genau das Richtige f\u00fcr mich. Der Blick aus der Wohnung im Schriftstellerhaus in die Schlucht von Pazin ist fantastisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2019 hast du dich f\u00fcr das Aufenthaltsstipendium im Schriftstellerhaus f\u00fcr das Jahr 2020 beworben. Die Pandemie hat diese Pl\u00e4ne durcheinandergebracht. Wie hat sich diese komplette Situation auf deine literarische Arbeit und deine Projekte ausgewirkt?<\/strong><\/p>\n<p>Die Pandemie hat bei mir ebenfalls vieles durcheinandergewirbelt. Mein aktueller Lyrikband \u201edurst der krieger\u201c, der schon f\u00fcr Dezember 2019 fertig war, ist erst im Januar 2021 erschienen. Ich hatte nur wenige Lesungen in diesem Jahr. Bis auf das Projekt im Gef\u00e4ngnis, konnte ich jedoch alle anderen Projekte durchf\u00fchren. Zum Teil in Pr\u00e4senz, zum Teil virtuell. Ich bekam von der Hessischen Kulturstiftung Arbeitsstipendien, die es mir erm\u00f6glichten, sogar neue Projekte zu realisieren. In diesem Jahr habe ich gemeinsam mit dem Theaterwissenschaftler Gaetano Biccari ein Drama geschrieben, das wir in Kooperation mit dem Kellertheater Frankfurt im Jahr 2022 mit jungen Darsteller*innen inszenieren werden. Dazu habe ich an einem Erinnerungstagebuch f\u00fcr die kommende Ausstellung des Stadtlabors im Historischen Museum Frankfurt \u201eSpuren des NS im Heute\u201c geschrieben und entdeckt, wie der NS sich auf mein Leben ausgewirkt hat. Im Grunde habe ich viel gearbeitet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Du warst und\/oder bist aktiv an den Projekten zum Thema Migration, Fl\u00fcchtlinge, sog. Kofferkinder bzw. Gastarbeiterkinder, die wie Koffer hin und her geschickt wurden, Gastarbeiter, Lesungen in Justizvollzugsanstalten beteiligt. Kannst du uns etwas mehr dar\u00fcber sagen?<\/strong><\/p>\n<p>Mir ist es sehr wichtig, daf\u00fcr zu sensibilisieren, was Migration f\u00fcr Kinder und Jugendliche bedeuten kann. Erwachsene treffen ihre Entscheidung f\u00fcr eine Migration selbst \u2013 auch wenn sie aus wirtschaftlicher Not oder gar Krieg ihre Heimat verlassen. Kinder entscheiden nicht selbst. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Hinzu kommt, dass f\u00fcr Kinder die vertraute Umgebung zu verlieren, besonders be\u00e4ngstigend ist. Kinder erleben Migration als ein sehr einschneidendes Ereignis. Das ist wichtig zu wissen, damit Kindern Hilfestellungen geboten werden k\u00f6nnen, vor allem wenn die Werte der eigenen Familie sich deutlich von den Werten der neuen Gesellschaft unterscheiden. Die Kinder und Jugendlichen sind zerrissen zwischen den Kulturen. Durch meine Schreibwerkst\u00e4tten an Schulen und anderen Projekten habe ich vielf\u00e4ltige Einblicke in diese Thematik bekommen. Nicht zuletzt bin ich selbst von der Migrationserfahrung als Kind betroffen. Ich bin ein ehemaliges \u201eGastarbeiter- und Kofferkind\u201c. Und ich stelle fest, dass heutzutage Kinder vergleichbare Erfahrungen machen, wie ich sie einst machte. Als Autorin der \u201eBibliothek der Generationen\u201c im Historischen Museum Frankfurt setze ich mich am Beispiel des \u201eGastarbeiter- und Kofferkindes\u201c mit dem Thema Kindheit und Familie im Wandel der Migration k\u00fcnstlerisch auseinander. Mit meinem Projekt m\u00f6chte ich in das kollektive Bewusstsein der deutschen Gesellschaft die Erfahrungen von \u201eGastarbeiter- und Kofferkindern\u201c tragen. Erfahrungen, die zum Teil durchaus traumatisch waren \u2013 wie man in den Interviews nachlesen kann, die ich mit Betroffenen gef\u00fchrt habe. F\u00fcr meine Herzens-Mission habe ich mein Teddyb\u00e4r, der mich seit meinem sechsten Lebensmonat begleitet hat, dem Historischen Museum geschenkt und er ist in die Sammlung des Museums \u00fcbergegangen. Der Teddyb\u00e4r war bereits ein Teil meiner k\u00fcnstlerischen Erinnerungsinstallation \u201eWurzelkoffergeschichten\u201c in der Ausstellung \u201eKein Leben von der Stange. Geschichten von Arbeit, Migration und Familie\u201c des Historischen Museums Frankfurt. Nun wird er in der kommenden Ausstellung \u201eArbeit &amp; Migration: Geschichten von hier\u201c im Technoseum Mannheim auf die Geschichte des \u201eGastarbeiter- und Kofferkindes\u201c aufmerksam machen. Die Geschichte der Gastarbeiter ist nicht nur ein deutsches Thema, es betrifft auch die Anwerbel\u00e4nder selbst wie z.B. Kroatien. Deshalb ist es mir wichtig, dieses Projekt besonders hervorzuheben. Die Gastarbeiter-Situation hat tiefe Spuren in den Familien und damit auch in der Gesellschaft hinterlassen und entfaltet ihre Wirkung. Deswegen ist es ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine Aufarbeitung der Gastarbeitergeschichte auf der psychologischen Ebene.<\/p>\n<p>Meine anderen Projekte sind meistens an Schreibwerkst\u00e4tten gekn\u00fcpft, die ich leite und die mir durch verschiedene Kooperationspartner erm\u00f6glicht werden. Bisher habe ich mit Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern, Frauen mit Fluchtgeschichte, Studierenden und mit Menschen in Gef\u00e4ngnissen gearbeitet. Die Themen sind die Themen der Teilnehmenden, die ich mit ihnen in einer gesch\u00fctzten Atmosph\u00e4re herausarbeite. Mit einigen dieser Gruppen bin ich noch einen Schritt weitergegangen und wir haben die Texte der \u00d6ffentlichkeit in Form von einer Inszenierung, Kunstaustellung, eines Filmes, eines Buches oder einer Lesung pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Du hast das Gedichtband \u201ezw\u00f6lf\u201c (2017) und \u201edurst der krieger\u201c (2021) geschrieben, und deine Lyrik ist in verschiedenen Anthologien vertreten. In deinen Gedichten setzt du dich mit Themen wie Liebe, Krieg, Alltagsthemen auseinander. Bleibst du in deinem literarischen Ausdruck weiterhin der Lyrik treu, und wenn ja, warum?<\/strong><\/p>\n<p>Wie bereits erw\u00e4hnt, habe ich gemeinsam mit Gaetano Biccari ein St\u00fcck geschrieben, das eine Neuinterpretation des Ikarus-Stoffes ist. An einzelnen Szenen haben wir jeweils eigenst\u00e4ndig, an anderen gemeinsam gearbeitet und vor allem haben wir uns sehr viel \u00fcber das St\u00fcck unterhalten und Ideen \u00fcber die szenische Umsetzung entwickelt. Es war das Gef\u00fchl, als w\u00fcrden wir aus einer Hand schreiben. Das war eine sehr sch\u00f6ne Erfahrung. Freude hat mir auch das Schreiben an dem \u201eErinnerungstagebuch \u00fcber die Spuren des NS in mir\u201c bereitet &#8211; soweit man von Freude bei diesem Thema sprechen kann. Dennoch merke ich, dass ich durch Lyrik meine Gef\u00fchle und Gedanken sehr gerne ausdr\u00fccke. Lyrik bietet die gr\u00f6\u00dfte Freiheit des sprachlichen Ausdruckes und sie ist die k\u00fcnstlerischste Form, wie wir mit Sprache umgehen k\u00f6nnen. Das liebe ich an Lyrik.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Verfolgst du die kroatische literarische Szene und welche Autoren*innen liest du?<\/strong><\/p>\n<p>Durch die vielen Projekte und mein eigenes Schreiben bleibt mir wenig Zeit zum Lesen und es erscheinen so viele wunderbare B\u00fccher, die darauf warten, gelesen zu werden. Das macht es mir sehr schwer, so up-to-date zu sein, wie ich es gerne w\u00e4re. In Bezug auf die kroatische Literatur interessiert mich vor allem, wie und wor\u00fcber kroatische Gegenwartslyrikerinnen und -lyriker schreiben. Daher habe ich bis jetzt Lyrik von Ana Brnardi\u0107, Monika Herceg, Sibila Petlevski und Ivan Herceg gelesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>In deinem Motivationsschreiben hast du angef\u00fchrt, du w\u00fcrdest dich gerne mit der Thematik &#8222;Heimat \u2013 in allen Facetten\u201c auseinanderzusetzen. Pl\u00e4ne \u00e4ndern sich, und es ist inzwischen viel Zeit seit der Bewerbung um das Stipendium im 2019 vergangen. Arbeitest du noch immer an dem geplanten Projekt? Kannst du uns diesen n\u00e4her beschreiben, oder hat sich da was ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hat sich mit der Zeit und wegen der Pandemie einiges ver\u00e4ndert und ich habe nicht am urspr\u00fcnglich geplanten Thema \u201eHeimat \u2013 in allen ihren Aspekten\u201c w\u00e4hrend des Aufenthaltsstipendiums geschrieben. Dies liegt mitunter auch daran, dass ich mich mittlerweile an diesem Thema gut abgearbeitet habe. Dennoch denke ich, dass dieses Thema immer eines meiner Themen bleiben wird. Somit habe ich mich auch jetzt indirekt mit dem Thema \u201eHeimat\u201c auseinandergesetzt. Pazin ist mir fremd und vertraut zugleich. Das hat in mir die Frage nach Heimat wieder neu aufgeworfen. Ich denke, dass Menschen mit einer Migrationsgeschichte sich immer wieder die Frage nach Heimat selbst stellen oder sie gestellt bekommen. Meine Erfahrung, die Frage nach Heimat, wird im Laufe des eigenen Lebens immer wieder anders beantwortet. Dies hat mit den sich ver\u00e4ndernden Umst\u00e4nden und neuen Erfahrungen und letztendlich der eigenen Entwicklung zu tun. Schlie\u00dflich denke ich, dass f\u00fcr einen Menschen mit Migrationsgeschichte die Frage nach Heimat eine komplexe Antwort impliziert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie f\u00fchlst du dich im Schriftstellerhaus? Woran arbeitest du im September in Pazin? <\/strong><\/p>\n<p>Ich f\u00fchle mich im Schriftstellerhaus wohl, weil es mich wenig vom Schreiben und von der Auseinandersetzung mit meinem Schreiben ablenkt. Ich habe mir den Tisch so gestellt, dass ich beim Schreiben auf die Schlucht von Pazin schaue. Das Begleitprogramm vom Schriftstellerhaus ist ausgewogen. W\u00e4hrend des internationalen Bilderbuchfestivals habe ich interessante Kulturschaffende kennengelernt und Einblick in die kroatische Literaturszene erhalten. Die Vortr\u00e4ge, Fachgespr\u00e4che und Lesungen am Abend waren sehr bereichernd.<\/p>\n<p>Ich habe in Pazin mit der Arbeit an einem neuen Lyrikband begonnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Danke dir f\u00fcr das Gespr\u00e4ch. Ich w\u00fcnsche dir viel Erfolg in deinem privaten und beruflichen Leben.<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe zu danken! Vielen Dank!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tamara Labas ist eine deutsche Dichterin und Leiterin der kreativen Schreibwerkst\u00e4tten. Sie wurde in Zagreb geboren und ist in Frankfurt am Main aufgewachsen, wo sie auch heute noch lebt. An der Johann-Wolfgang-Goethe Universit\u00e4t in Frankfurt absolvierte sie das Studium der Germanistik und Kunstgeschichte. 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