{"id":3955,"date":"2013-05-13T13:05:23","date_gmt":"2013-05-13T13:05:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kucazapisce.hr\/durda-knezevic\/"},"modified":"2013-05-13T13:05:23","modified_gmt":"2013-05-13T13:05:23","slug":"durda-knezevic","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.kucazapisce.hr\/de\/autoren\/durda-knezevic\/","title":{"rendered":"\u0110ur\u0111a Kne\u017eevi\u0107"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Rauschen n\u00e4chtlicher Schwingen<\/strong><\/p>\n<p>Sie f\u00e4rbte sich die Lippen und rauchte mit d\u00fcnner Zigarettenspitze, kurz, Sie war eine Dame. Den kostbaren Pelzmantel, den sie im Winter trug, nahm sie auch immer aus der Gro\u00dfstadt mit in die Sommerfrische nach Pazin, wo sie jedes Jahr f\u00fcr einige Monate hinfuhr. Ein Ort, weder besonders gro\u00df noch klein, nicht weit vom Meer, aber doch weit genug von touristischem Gewusel und allzu gro\u00dfer Hitze. Ganz offensichtlich war sie also eine Dame. Au\u00dferdem, und das war nicht so offensichtlich, hatte sie ein besonderes Talent. Sie pflegte n\u00e4mlich nicht zu sprechen, sondern zu erz\u00e4hlen. Ein Satz oder eine kurze Erkl\u00e4rung, ein beil\u00e4ufiger Gru\u00df \u2013 alles nahm einige Minuten in Anspruch, erst recht eine Anekdote&#8230; Ganz gleich was, alles wurde zu einer Geschichte, reich an Bildern, voll von Bedeutungen und manchmal Weisheiten. Die L\u00e4nge war unwichtig, nur dass die ausf\u00fchrlicheren Erz\u00e4hlungen ein gr\u00f6\u00dferes Vergn\u00fcgen boten.<\/p>\n<p>Von Pazin erz\u00e4hlte sie h\u00e4ufig. Ihre Familie besa\u00df dort ein Haus, in dem sie die Sommermonate verbrachte. Pazin aber blieb, zumindest mir, etwas abstrakt und unwirklich im Ged\u00e4chtnis. Wo die Stadt sich befand, ob es \u00fcberhaupt eine und wie gro\u00df sie war oder wie sie aussah, das wusste ich nicht. Vielleicht eine Kleinstadt, von einer gr\u00f6\u00dferen h\u00e4tte ich den Namen bestimmt schon \u00f6fter geh\u00f6rt, und ein Dorf h\u00e4tte nicht zu ihrer Vornehmheit gepasst. Aber ob Stadt oder Kleinstadt spielte wohl auch keine Rolle, und so wurde es auch nie erw\u00e4hnt. Erw\u00e4hnt hingegen wurden die Paziner Truth\u00e4hne. Ihretwegen wurde \u00fcberhaupt von Pazin erz\u00e4hlt. Ich wei\u00df, was ein Truthahn ist, das wusste ich auch damals, doch in den Geschichten wurden sie auf sehr dramatische Weise erw\u00e4hnt, und in der Verbindung dieser Geschichten und meiner Vorstellung verwandelten sie sich in regelrechte Archosaurier, riesengro\u00dfe und gef\u00e4hrliche Urv\u00f6gel, die \u00fcber Pazin hinwegflogen. Wenn sie einen besonders starken Eindruck hinterlassen wollte, sprach Tante-Dame Vera \u2013 so war ihr Name \u2013 nicht nur von ihrer Gr\u00f6\u00dfe, sondern auch von den m\u00e4chtigen Fl\u00fcgeln, die die beleibten V\u00f6gel zu tragen vermochten. Im Unterschied zu gew\u00f6hnlichen Truth\u00e4hnen, die ich aus meiner unmittelbaren Umgebung kannte und die eher tr\u00e4ge liefen, bei denen aber vom Fliegen keine Rede sein konnte, waren diese aus Pazin offenbar dazu imstande. Und zwar nicht einfach mit ein bisschen Anlauf flach \u00fcber den Hof h\u00fcpfen, so wie es jedes Huhn kann, sondern \u2013 und da f\u00fcgte sie das st\u00e4rkste Bild hinzu: das vom Paziner Truthahn, der \u00fcber die ganze Schlucht von Pazin fliegen konnte. Was es aber mit dieser Schlucht auf sich hatte und was es in Wirklichkeit bedeutete, das da in ihrer Geschichte so dramatisch klang, erw\u00e4hnte sie nicht weiter, so als betrachte sie es als unwichtig oder selbstverst\u00e4ndlich. Und so blieb mir die Schlucht ein R\u00e4tsel. Es h\u00e4tte eine tiefe Grube sein k\u00f6nnen oder ein Loch, das irgendwann einmal begonnen und nicht weiter ausgegraben worden war&#8230; Es h\u00e4tte alles M\u00f6gliche sein k\u00f6nnen, und jetzt blieb es der Logik oder der Fantasie \u00fcberlassen, was so eine \u00abSchlucht\u00bb wohl sein k\u00f6nnte, die so ein Truthahn \u00fcberfliegen kann. Das von der Erz\u00e4hlerin gebotene Bild bem\u00fchte mein kindliches Vorstellungsverm\u00f6gen, das der Realit\u00e4t ohnehin schon so wenig zu- wie der Logik abgeneigt war. Noch etwas von Tante-Dame Vera befl\u00fcgelte meine Fantasie geradezu, so wie ihren Truthahn, diesen gigantischen \u00fcber der Schlucht. B\u00fccher. B\u00fccher, von denen sie Unmengen besa\u00df. Irgendwann schenkte sie mir unvermittelt und ohne speziellen Anlass einige sehr sch\u00f6ne Exemplare. Allesamt prachtvolle Ausgaben, deren geheimnisvoller Inhalt in feste, rote Umschl\u00e4ge gebunden und mit wunderbaren farbigen Abbildungen neben den Titeln versehen war, und die zum sofortigen Lesen einluden. Die Bilder auf den Innenseiten waren ebenso sch\u00f6n, zwar nur schwarze Tuschezeichnungen, aber so sorgf\u00e4ltig und detailliert angefertigt, aus unz\u00e4hligen kurzen und l\u00e4ngeren Strichen zusammengesetzt und so realistisch gezeichnet, dass sie auch ohne Farbe lebendig schienen. Aus den Titeln ging hervor, dass die B\u00fccher von einem Jules Verne geschrieben worden waren, doch ich hielt das f\u00fcr genauso erfunden wie die Geschichten. Sicher brauchen B\u00fccher einen Schriftsteller, aber dieser Name mit dem so sch\u00f6nen weichen Klang, der in einer noch sch\u00f6neren, geschwungenen Schreibschrift auf dem Einband stand, passte einfach zu gut in das gesamte Bild. Ich war \u00fcberzeugt, dass der Tr\u00e4ger dieses Namens die zur\u00fcckhaltende und in sich gekehrte Schl\u00fcsselfigur jedes dieser B\u00fccher war. Auch sahen die Figuren in den Illustrationen aus wie jemand, der Jules Verne hei\u00dfen musste, wenn es denn einen gegeben h\u00e4tte. Stattlich, mit Seitenstreifen auf den schmalen Hosen, in knielangem Redingote-Mantel, mit eleganten, feinen H\u00e4nden und schlanken Fingern; zumindest sahen die meisten Abbildungen so aus, die guten und sch\u00f6neren. Mit gewelltem, nach hinten gek\u00e4mmtem, nur wenig widerspenstigem Haar, ernstem Gesicht und gezwirbeltem Bart.<\/p>\n<p>In den geschenkten B\u00fcchern bl\u00e4tternd, mich auf das Lesen freuend und mir mit freudiger Sorgfalt \u00fcberlegend, mit welchem ich anfangen sollte, entdeckte ich eine Zeichnung mit der \u00dcberschrift \u00abSchlucht von Pazin\u00bb. Sie war sehr eindrucksvoll und zeigte eine wirklich riesige Schlucht, die zu einem Gro\u00dfteil von nacktem Fels umgeben war. Oben am Hang dr\u00e4ngten sich kleine H\u00e4uschen aneinander, winzig im Vergleich zum Abgrund, und umkr\u00f6nten ihn wie kleine Perlen. Tief unten am Grund der Schlucht schl\u00e4ngelte sich ein Fl\u00fcsschen entlang, wand sich durch einen lichten und d\u00fcnnen Wald aus ungew\u00f6hnlich hohen, schmalen B\u00e4umen und verschwand in einer dunklen H\u00f6hle im Felsen, die wie von Menschenhand geschaffen schien und an das Portal einer gotischen Kirche erinnerte.<\/p>\n<p>Ich war verbl\u00fcfft. Diese Schlucht war tats\u00e4chlich gewaltig, und die Idee, dass irgendein Truthahn, selbst ein besonderer aus Pazin, dar\u00fcber hinweg fliegen konnte, schien mir nicht sehr wahrscheinlich. Vielleicht hatte sich Tante-Dame Vera einen Scherz erlaubt, als sie mir das Bild der Schlucht \u00abgeliehen\u00bb und \u00abihre\u00bb Truth\u00e4hne dar\u00fcber fliegen lassen hatte, denn sie kannte sicher ihr eigenes Buch, das nun in meinen werten Besitz \u00fcbergegangen war. Die Geschichte von den fliegenden Truth\u00e4hnen \u00fcber einer solchen Schlucht bekam nun eine wirklich dramatische Note. Auf jeden Fall wurde mir das Ausma\u00df klar und so wurde ein einfacher Truthahn zu einem majest\u00e4tischen, m\u00e4chtigen Vogel, der \u00fcber tiefe und d\u00fcstere Abgr\u00fcnde fliegt. Dann kehrte alles wieder dorthin zur\u00fcck, wo es hergekommen war, ins das Buch, das ich auch gleich durchgelesen hatte und daraufhin noch alle weiteren, auf denen neben dem Titel, wie ein Schutzsiegel, der verschn\u00f6rkelt sch\u00f6ne Name Jules Verne stand.<\/p>\n<p>Wir alle kennen, zumindest in den ersten Lebensjahren, den kausalen Zusammenhang von Zeit und \u00c4lterwerden. So wurde auch ich \u00e4lter, ob ich wollte oder nicht, und manchmal konnte ich dabei einigerma\u00dfen geschickt verbergen, wie wenig mein physisches Wachstum von angemessenem Erwachsensein begleitet war. Der Kampf gegen das Erwachsenwerden war nicht leicht, die Realit\u00e4t mischte sich st\u00e4ndig r\u00fccksichtslos und aufdringlich in die Angelegenheiten meines unwilligen Reifeprozesses und gewann dabei oft die Oberhand. Nach einem solchen mehrj\u00e4hrigen und letztlich verlorenen Kampf gegen die bittere Wirklichkeit flohen ich und eine noch weniger erwachsene Freundin in den Urlaub nach Istrien. Die Reise war langwierig, und irgendwo hinter dem Tunnel durch das U\u010dka-Gebirge wollten wir nach einer Unterkunft f\u00fcr die Nacht suchen, um die Reise am n\u00e4chsten Morgen fortzusetzen. Also kehrten wir zu einer seltsamen Uhrzeit, weder besonders fr\u00fch noch sp\u00e4t am Abend, in einem Hotel am Rand von Pazin ein. Im Restaurant waren keine G\u00e4ste mehr, m\u00f6glicherweise waren auch vorher keine dort gewesen, und uns wurde gesagt, dass man bald schlie\u00dfen werde. Au\u00dfer einer tr\u00e4gen Kellnerin gab es hinter der Rezeption noch eine genauso passive junge Frau. Die meisten Lichter waren schon gel\u00f6scht, so gro\u00dfe R\u00e4ume mit hohen Decken beleuchtet zu halten war ja auch sinnlos. Ich fragte mich, ob es wohl trauriger w\u00e4re, so wie wir jetzt im von den Holzvert\u00e4felungen br\u00e4unlichen Halbdunkel zu sitzen, oder wie erstarrt in einem kalt und grell beleuchteten gro\u00dfen W\u00fcrfel. Wir hatten keinen Hunger, wir wollten blo\u00df noch kurz bei einem Bier sitzen bleiben, ansto\u00dfen, mit dieser kleinen Zeremonie die Reiseetappe beenden und bald ins Bett gehen. Obwohl alle Tische frei waren, war der Kellnerin sehr daran gelegen, dass wir uns an einen bestimmten setzten, direkt an ein gro\u00dfes und breites Fenster. Sie deutete mit ihrer Hand in die spiegelnde Schw\u00e4rze und erz\u00e4hlte etwas von einem Abgrund, der gleich dort hinter dem Fenster sein sollte. Weil ich von der langen Fahrt und dem halbdunklen Raum etwas benommen war, drangen ihre Worte nicht ganz zu mir durch, in dem Moment konnte ich mir auch keine Gedanken dar\u00fcber machen. Ich hatte nur das Gef\u00fchl, dass die Kellnerin uns f\u00f6rmlich an den Rand dieses Abgrunds schob und so einen seltsamen und etwas morbiden Sinn f\u00fcr Humor zeigte, aber ich ver\u00fcbelte es ihr nicht. Es kam mir sogar ein wenig entgegen, als sei es Selbstironie oder auch Ironie auf Kosten zweier sp\u00e4ter G\u00e4ste, die m\u00fcde von der Reise und schweigend am Tisch sitzend nur endlich ihr Bier trinken wollen. Ich war tats\u00e4chlich sehr m\u00fcde und das Bier tat sein \u00fcbriges, so dass mir im Entferntesten nicht die Schlucht oder die fliegenden Truth\u00e4hne einfielen, wobei ich nat\u00fcrlich wusste, dass wir uns in Pazin befanden. Im echten Ort, und nicht in jenem aus den Geschichten von Tante Vera. Doch dort neben der Stra\u00dfe war alles, das hinter den schwarzen Scheiben lag, immer noch v\u00f6llig formlos und abstrakt. Unterbewusst streifte mich der Gedanke und am n\u00e4chsten Morgen setzten wir unsere Reise fort.<\/p>\n<p>Nach dieser unbewussten, nahen Begegnung mit Pazin und vielleicht auch mit seinen fliegenden Truth\u00e4hnen wuchs man tats\u00e4chlich nicht weiter und wurde auch nicht wesentlich erwachsener. Einige Jahre wurden sicher f\u00fcr etwas aufgewendet, vielleicht auch nur verschwendet, aber da das f\u00fcr diese Geschichte nicht von Bedeutung ist, \u00fcberspringe ich das, ebenso wie die Umst\u00e4nde und Gr\u00fcnde meines Herkommens. Jedenfalls fand ich mich eines Abends im Februar in Pazin wieder. Diesmal aber nicht nur auf Durchreise, einer Tour oder gar aus Zufall, sondern wegen eines bestimmten und vereinbarten Aufenthalts von einem ganzen Monat. Die bislang abstrakte Stadt war aus der Vergangenheit aufgetaucht, aus Tante Veras Geschichte, sie konkretisierte sich und mir blieb nichts anderes \u00fcbrig, als endlich an ihre H\u00e4user mit den nicht immer glatten Fassaden, den schlecht asphaltierten Stra\u00dfen und ihrer gedeckten, winterlich braunen Umgebung zu glauben.<\/p>\n<p>Den Weg vom Busbahnhof zu meiner Unterkunft legte ich zu Fu\u00df zur\u00fcck. Es war auch keine gro\u00dfe Entfernung, nach dem langen Sitzen im beengten Bus sehnte ich mich nach Bewegung. Ich wollte die Beine ausstrecken und nach Lust und Laune mit den Armen winken k\u00f6nnen. Und so marschierte ich fast fr\u00f6hlich durch das St\u00e4dtchen und befolgte, mich stets nach dem h\u00f6chsten Kirchturm richtend, die vorab erhaltene Beschreibung. Bis zum Haus, in dem ich einen ganzen Monat verbringen sollte, konnte es nicht mehr weit sein. Dann sah ich an der Seitenfront eines Hauses auf der gut beleuchteten Fassade einen lebensgro\u00df gemalten Mann an einem Gartentischchen sitzen. Mit \u00fcberkreuzten Beinen und aufgeschlagener Zeitung in den H\u00e4nden schaute er mich direkt an, so wie es bei Zeichnungen oft der Fall ist. Irgendwie kam er mir bekannt vor. Am\u00fcsiert \u00fcber mich selbst, musste ich laut auflachen. \u00abSeltsam, den kenne ich doch irgendwoher.\u00bb<\/p>\n<p>Man konnte mitten auf der leicht ansteigenden Stra\u00dfe laufen, ohne auf Autos achten zu m\u00fcssen, in sanften Windungen f\u00fchrt sie den Berg hoch, den das steinerne Kastell bewacht und wo das Schriftstellerhaus steht, das f\u00fcr die n\u00e4chsten Wochen mein Zuhause sein w\u00fcrde. Meine Angewohnheit, immer ausgerechnet nach den unattraktiven Orten Ausschau zu halten, lie\u00df mich bei den schmutzigen Fenstern eines niedrigen Ladengesch\u00e4fts stehen bleiben. Im dunklen Raum hinter den Fenstern gab es vermutlich schon seit l\u00e4ngerem nichts und niemanden. Ein verlassenes Haus ist eigentlich nichts, das besonderer Aufmerksamkeit bedarf. Aber ich blieb wegen der Zeichnungen stehen, die von innen mit Klebeband an den Scheiben befestigt waren, so dass man sie von au\u00dfen betrachten konnte, Bl\u00e4ttern im normalen A4-Format, vielleicht zehn an der Zahl. Nirgends stand etwas geschrieben, es gab keine Erkl\u00e4rung f\u00fcr diese ungew\u00f6hnliche Ausstellung und was es mit diesen kleinen Zeichnungen auf sich hatte, die aus dem staubigen Dunkel zur Stra\u00dfe aushingen, mit in der Mitte leicht gewelltem Papier und vom langen H\u00e4ngen schon br\u00e4unlich verf\u00e4rbtem Klebeband. Auch das w\u00e4re nicht Grund genug gewesen, vor ihnen Halt zu machen und sie sich l\u00e4nger anzuschauen. Aber es handelte sich tats\u00e4chlich um die Zeichnungen, vielmehr Kopien von den Zeichnungen, die ich vor vielen Jahren im Buch von Jules Verne gesehen hatte, und die mich deswegen jetzt so fest vor den verlassenen Fenstern hielten. Vor allem jene, die die Schlucht von Pazin zeigten. Ich schaute mir die Bilder genau an, ohne Zweifel waren es dieselben wie in meinem Buch, nur hatten sie einen bl\u00e4ulichen Grund.<\/p>\n<p>\u00abAber ja, nat\u00fcrlich kenne ich den von vorhin. Aus einem Buch aus meiner Kindheit. Das war Jules Verne!\u00bb<\/p>\n<p>Bis zu meiner neuen Wohnung waren es noch etwa einhundert Meter, die Stra\u00dfe noch ein St\u00fcck weiter und am Fu\u00dfe des grauen und schwerm\u00fctigen Kastells scharf nach links die Stra\u00dfe hoch, dort stand das Haus gleich hinter der Kurve. Und die Stra\u00dfe war, wie ich irritiert feststellte, nach Jules Verne benannt.<\/p>\n<p>Das Haus stand direkt am Rand der Schlucht. Das Obergeschoss war zur G\u00e4stewohnung ausgebaut. Ein l\u00e4ngliches Zimmer, an dessen schmalen Ende eine T\u00fcr mit Glasscheiben auf einen Miniaturbalkon f\u00fchrte. Der Balkon hing genau \u00fcber dem Abgrund. Ich trat auf ihn hinaus, es war schon dunkel und man konnte nicht bis auf den Grund sehen. Dort, wo sich die Schlucht befinden musste, war eine dichte Finsternis, umgeben von kohlrabenschwarzen Felsen. Der Rand der Schlucht zeichnete sich deutlich am hellen Nachthimmel ab und war wie von einer Kette aus Gl\u00fchw\u00fcrmchen von den beleuchteten Fenstern der H\u00e4user am Hang umrandet. Von dort, wo das Zentrum sein musste, drangen eine undurchdringliche Schw\u00e4rze und das Ger\u00e4usch des zu schnellen Fl\u00fcsschens hervor, dessen Wasser ungest\u00fcm gegen die Felsen schlug. Auf einmal verband sich alles aus den Geschichten von Tante Vera und aus den B\u00fcchern mit dem geschwungenen Namen Jules Vernes. Stadt und Schlucht materialisierten sich. Jules Verne war unvermittelt aufgetaucht, sa\u00df gemalt mitten im Ort, die Bilder aus den B\u00fcchern mit seinem Namen waren auch hier, selbst die Stra\u00dfe trug seinen Namen. Er war in der N\u00e4he, schlich herum, zeigte sich aber nicht. Bei all dem hatte ich beinahe den Truthahn vergessen, jenen besonderen Paziner Truthahn, den furchtlosen Flieger mit den kraftvollen Fl\u00fcgeln. Von ihm nirgends eine Spur.<\/p>\n<p>Die Tage vergingen, so wie sie es nun mal tun, und w\u00e4hrenddessen wurden die Schlucht und ich vertraut miteinander. An jedem dieser Tage ging ich zu verschiedenen Zeiten auf den Balkon hinaus, bei Tag, am Abend und manchmal auch sp\u00e4t in der Nacht, und jedes Mal zeigte die Schlucht ein anderes Gesicht. Oder sie versteckte sich. Einmal floss und schnellte das Wasser in regelm\u00e4\u00dfigem Rhythmus, als t\u00e4te es nie etwas anderes. Am n\u00e4chsten Tag war es ganz tr\u00fcb, sprang nerv\u00f6s auf und sch\u00e4umte heftig. Irgendwann war es auch kein schmales, m\u00e4anderndes Fl\u00fcsschen mehr, sondern staute sich zu einem regelrechten See, schmutzig-gr\u00fcn, der sich nicht bewegte und nirgendwohin abfloss. Eines Nachts wurde sie von einer Wolke eingenommen. Den ganzen Morgen strahlte sie wei\u00df aus ihr heraus, im Schlund wogte es als koche jemand darin Milch, und dann, von der gn\u00e4digen Sonne befreit, schwebte sie w\u00fcrdevoll zur\u00fcck in den Himmel. Auch die d\u00fcrren B\u00e4ume des hilflosen W\u00e4ldchens an der B\u00f6schung gaben sich, braun vom winterlichen Warten, alle erdenkliche M\u00fche. Mal glitzerten sie morgens wei\u00df oder silbern vom Raureif geschm\u00fcckt, ein anderes Mal schimmerten sie moosbedeckt von der Sonne hellgolden.<\/p>\n<p>Nachts, wenn ich auf den Balkon in die Nacht hinaustrat, war trotzdem alles da. Wenn nicht im Auge, so doch unleugbar im Kopf, im Gef\u00fchl. Die Schlucht zog sich vor dem Blick ins Dunkel zur\u00fcck, doch das Tosen des Wassers bezeugte ihre Anwesenheit. Jules Verne schlich immer noch in der Stadt umher, \u00fcberall waren Zeichen seiner Gegenwart zu finden. Und wenn man dem Dr\u00f6hnen der Schlucht aufmerksam lauschte, war da noch ein ganz besonderes Ger\u00e4usch. Das Rauschen m\u00e4chtiger Schwingen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u0110ur\u0111a Kne\u017eevi\u0107<\/p>\n<p>Pazin, im Februar 2013<\/p>\n<p>\u00dcbersetzung: \u00a0Kristina Mignon<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Rauschen n\u00e4chtlicher Schwingen Sie f\u00e4rbte sich die Lippen und rauchte mit d\u00fcnner Zigarettenspitze, kurz, Sie war eine Dame. Den kostbaren Pelzmantel, den sie im Winter trug, nahm sie auch immer aus der Gro\u00dfstadt mit in die Sommerfrische nach Pazin, wo sie jedes Jahr f\u00fcr einige Monate hinfuhr. 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